Erfahren, was wir nicht wissen – mit Feedbacksystemen

Whitepaper von Dr. K. Ehrensberger, E. Steiner, Dr. J. Stadler

Der technologische Wandel und die Digitalisierung führen zu sich rasch verändernden Umgebungsbedingungen, welche direkt auf Qualitätsmanagementsysteme einwirken. Es werden zuverlässige und umfassende Daten benötigt, um Anpassungen angemessen und rechtzeitig am QM-System vornehmen zu können. In diesem Whitepaper wird aufgezeigt, mit welchen Feedbacksystemen sich verändernde Umgebungsbedingungen wahrnehmen lassen.

Feedbacklieferanten

Als Feedbacklieferanten kommen grundsätzlich alle Arten von technischen Sensoren, Datenauswertungen sowie Menschen in Frage.

Die Kategorie der Sensoren wird hier nicht weiter beleuchtet, weil Sensoren zuverlässige Daten aus einem erwarteten Bereich liefern. Demnach liegt auch das Feedback im erwarteten Bereich und ist vom Typ Überwachungscharakter. Die erhobenen Daten können sehr einfach ins QM importiert und z. B. als Kennzahlen ausgewertet werden.
Datenauswertungen können von Systemen, Künstlicher Intelligenz (KI) oder Menschen vorgenommen werden. Systeme liefern automatisierte Datenauswertungen, wie sie vorgeplant wurden, und liefern folglich auch ein Feedback, das einen reinen Überwachungscharakter hat. Von KI vorgenommene Datenauswertungen sind variabler und potentiell adaptiver als fixe Datenauswertungen von Systemen. Aufgrund des gegenwärtigen Ansatzes der KI können aber die Auswertungen maximal den bestmöglichen bekannten Zustand als Massstab nehmen, aber nicht mit kreativen Ansätzen neue, noch nicht bekannte Zustände empfehlen [1]. Daher wird hier das Feedback aus Datenauswertungen, inklusive dem gegenwärtig bekannten KI Ansatz, ebenfalls dem Typ Überwachungscharakter zugeordnet. Es wird nicht ausgeschlossen, dass diese Kategoriezuordnung zukünftig wieder geändert werden muss.

Wir konzentrieren uns im Folgenden auf den Menschen als Feedbacklieferanten. Ihm stehen auch die Feedbacks vom Typ Überwachungscharakter als Input zur Verfügung. Der Mensch verfügt prinzipiell über die Fähigkeit, über eine Überwachung hinauszugehen und Zustände sowie Prozesse neu zu gestalten oder diese an verändernde Umgebungsbedingungen anzupassen.

Erfahren, was wir noch nicht wissen

Menschen verfügen über sehr unterschiedlich ausprägte Vorlieben und Fähigkeiten im Umgang mit Information. Wie bezieht man diese Menschen als Feedbacklieferanten in das QM System ein?

Erfolgsversprechend ist der Ansatz, möglichst vielfältige Methoden einzusetzen, damit das Feedback wie über ein feinmaschiges Antennensystem erhoben werden kann. Es muss immer darum gehen, Feedbackquellen zu nutzen oder zu erschliessen, welche zu Informationen führen, die wir noch nicht kennen, und so wie im Titel beschrieben zu „erfahren, was wir noch nicht wissen“.

Die Rolle der QM-Verantwortlichen

Ein QM-System wird immer eine koordinierende Instanz mit Entscheidungsbefugnis benötigen. Sich selbstorganisierende QM-Systeme – z. B. mittels an Social Media angelehnten Feedbackinstrumenten – eignen sich höchstens für kleinere, sehr homogen aufgebaute Organisationseinheiten wie z. B. ein Ingenieurbüro bis ca. 20 Mitarbeiter.

QM-Verantwortliche als koordinierende Instanz eines QM-Systems wandeln sich immer mehr von Q-Wissensträgern zu Q-Koordinatoren. Für ihre koordinierende Arbeit benötigen Sie Softwareinstrumente, die über geeignete Kommunikationswege Feedbacks sammeln und deren Auswertung unterstützen. QM-Verantwortliche spielen eine zentrale Rolle, um auf wahrgenommenes Feedback angemessene Massnahmen anzuordnen, Aufgaben zu verteilen und deren Umsetzung zu überwachen.

Methodisch diversifizierte Feedbacksysteme

Aus Sicht des QM-Systems lassen sich grundsätzlich (von selbst) eingehende und einzuholende Feedbacks methodisch unterscheiden. Nachfolgend werden die wichtigsten Feedbackmethoden mit ihren Vor- und Nachteilen aufgeführt.

  Methoden   Beschreibungen  Vorteile  Nachteile
Eingehende Feedbacks:
Q-MeldungQ-Meldungen (QualitätsMeldungen) sind Hinweise zu unternehmensspezifischen Gegebenheiten, welche einen positiven, negativen oder rein
informativen Charakter haben können und immer von einem Gremium
beurteilt werden (Geschäfts-, Abteilungs-, Gruppenleitung u.a.),
welches anschliessend
Massnahmen definiert. Beispiele für Q-Meldungen sind Kundenlob,
Reklamation, Verbesserungsvorschlag,
– Einzelne Person kann zu
einem Sachverhalt oder
einem Ereignis einen Input
verfassen
– Individuelle Meinungen
werden erfasst
– Feedbacks und
Massnahmen sind gut
rückverfolgbar
– Verfasser ist bekannt,
man kann rückfragen
– Alle Aspekte eines
Unternehmens können
damit kommentiert
werden
– Passive Personen geben
kein Feedback
– Die Antwort vom
Gremium kann ev. (zu)
lange auf sich warten
lassen
4D, 8D ReportSpezialfall einer Q-Meldung
mit einer standardisierten
Vorgehensweise zur
Dokumentation der
Problembeschreibung und
-lösung
Analog Q-Meldung, aber
v.a. auf Produktionsbetriebe ausgerichtet
Analog Q-Meldung
CIRS- Meldung (critical incident
reporting system)
CIRS ist ein Instrument zur
Verbesserung der Patienten- und Luftfahrtsicherheit. Diese Systeme arbeiten im Internet auf einer
anonymen Basis oder allein auf dem Postweg zum sicheren Schutz der Daten. Der Berichtende (Arzt, Pfleger, Sanitäter etc.) füllt anonymisiert ein Online Formular über den Vorfall aus und kann bereits Lösungsvorschläge, um ein erneutes Auftreten dieses
kritischen Ereignisses zu verhindern, hinzufügen. Anschließend bewerten
Experten des CIRS (z. B. Fachärzte, Lehrsanitäter) den Vorfall und geben
ihrerseits Lösungsvorschläge ab. Der Vorfall wird nun im CIRS-Portal veröffentlicht, um anderen die Möglichkeit zu geben, aus Fehlern zu
lernen. [2]
– Anonyme Erfassung eines
Vorfalls
– Veröffentlichung im CIRSPortal ermöglicht es
anderen, aus Fehlern zu
lernen
– Es kann eine Fehlerkultur
entstehen, weil man lernt,
darüber zu sprechen
– Anonyme Erfassung
verunmöglicht Schadenersatzforderungen oder
Strafverfolgung
– Personenbezogene Fehler lassen sich nicht
verbessern
KommentareKommentare zu einer Prozess- oder Dokumentenversion, als Teil des Freigabeprozesses (Vernehmlassung) oder einer Weiterbildung– Sehr kontextbezogenes
Feedback
– Nur kleiner Personenkreis
ist involviert
– Nur kleiner
Personenkreis kennt die
Hintergrundinformation
Einzuholende Feedbacks:
UmfragenKoordinierte Kampagne zur Erhebung von Antworten von einem definierten Zielpublikum (Panel). Die Panels können variiert werden. Die Antworten können nach Bedarf ausgewertet werden. Durch wiederholte Durchführung von Umfragen lassen sich zeitliche Änderungen feststellen.– Es lassen sich Feedbacks von mehreren Personen erheben
– Eine statistische
Auswertung ist möglich
– Es lassen sich Meinungen
und Bedürfnisse von definierten Personengruppen erheben
– Die Formulierung der
Fragen ist schwierig und
kann die Auswertung
beeinflussen
– Umfragen erfordern
Aufwand für Vorbereitung, Durchführung und
Auswertung
Multimomentanalyse (MMA)Gezielt gestellte Fragen werden einer Anzahl Personen in zeitlichen Abständen gestellt, bis statistisch ausreichend Antworten für die Auswertung zur Verfügung stehen. Die Fragen benötigen strukturierte Antworten, wie z. B. die Prozessaufgaben. Durch die Auswertung der Antworten erhält man dann die anteilsmässige Verteilung der Prozessaufgaben.– Mit MMA können die
Anteile einzelner
Prozessaufgaben ermittelt
werden
– MMA liefert mit mobilen
Geräten wertvolle Prozesstransparenz mit
minimalem Störeinfluss für
die Anwender-Entscheidungsgrundlagen
lassen sich flexibel und
nach Bedarf ermitteln
– Eine Schnittstelle
zwischen QM-System und
MMA erleichtert den
Aufwand spürbar
– Technische Infrastruktur
ist notwendig
– Mitarbeiter müssen ca.
alle 0.5 Stunden einen
Knopf drücken, um
Antworten zu liefern
– Für die Datenerhebung
fallen Kosten an
KennzahlenMöglichkeit, um Soll-/IstVergleiche von Kennzahlen zu verwalten. Messungen können in zeitlichen Abständen wiederholt werden. Für ein QM-System können Kennzahlen nach Bedarf definiert werden. Der Bezug einer Kennzahl zu einem Prozess, einer Funktion, einer Q-Meldung usw. lässt sich frei wählen.– Dokumentiert die
Erfüllung von SollVorgaben
– Entwicklung der Werte
über die Zeit kann Trends
liefern
– Übersichtliches
Führungsinstrument
– Hierarchische Kennzahlen
(balanced score card)
lassen sich abbilden
– Bei Abweichung von
Kennzahlen gibt es einen
direkten Bezug zur
Q-Meldung und den
getroffenen Massnahmen
– Nicht alle wichtigen
Aspekte lassen sich
numerisch messbar
formulieren
– Messungen müssen
zuverlässig und
nachvollziehbar sein
– Die Daten müssen richtig
interpretiert werden
BetriebsmittelMöglichkeit zur Verwaltung
von beliebigen Betriebsmitteln und Dokumentation der durchgeführten und
geplanten Wartungsarbeiten
– Dokumentation der
verfügbaren Betriebsmittel
– Wartungsarbeiten
werden systematisch geplant
– Elektronische Führung
des Log-Buchs
– Durchgeführte
Wartungsarbeiten müssen
konsequent dokumentiert
werden
AuditsMöglichkeit zur Planung und Dokumentation von internen und externen Audits. Die Aufteilung der geplanten Prozesse und Funktionen auf die Audits innerhalb eines Zertifizierungszyklus wird vom System unterstützt.– Enorme Vereinfachung
der Auditplanung
– Checklisten werden direkt
beim Audit hinterlegt
– Bei Audit-Hinweisen und
-Abweichungen gibt es einen direkten Bezug zur Q-Meldung und den getroffenen Massnahmen
– Auditberichte lassen sich
automatisiert erstellen
– Gewisse Systemkenntnisse sind erforderlich
RisikenMöglichkeit zur Verwaltung von Risiken und der zeitlichen Risikobewertung nach Eintretenswahrscheinlichkeit und Schadensausmass– Dokumentiert die
bestehenden Risiken
– Entwicklung der
zeitlichen Risikobewertung
ermöglicht, Trends zu
erkennen
– Bei Abweichung von SollVorgaben gibt es einen
direkten Bezug zur
Q-Meldung und den
getroffenen Massnahmen
zur Risikominderung
– Die Risikobewertung
kann aufwendig sein
– Tendenziell kleine
Gruppen von Sachverständigen nehmen
Risikobewertung vor

Diversifizierter Einsatz der Feedbacksysteme

Die Erhebung von Feedback sollte immer darauf ausgerichtet sein, zu erfahren, was wir noch nicht wissen. Dazu sollen die Kernelemente eines QM-Systems genutzt werden, wie Audit-, Risiko-, Betriebsmittel- und Kennzahlenmanagement. Diese Kernelemente liefern bereits sehr umfassende Feedbacks. Audits liefern aus der internen und externes Optik variables Feedback zum QM-System. Die Feedbacks aus Risiko-, Betriebsmittel- und Kennzahlenmanagement liefern Resultate aus einem erwarteten Bereich. Überraschungen können natürlich innerhalb dieses erwarteten Bereichs auftreten, aber etwas Anderes als das Geplante wird nicht wahrgenommen.

Mit dem Instrument der Q-Meldungen wird die individuelle Sensitivität und Aktivität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt. Es lassen sich jederzeit und zu jedem Thema Inputs erfassen, die die QM Verantwortlichen zu bewerten haben und bei Bedarf angemessene Massnahmen veranlassen.

In kritischen Bereichen steht mit den CIRS-Meldungen ein Feedbacksystem zur Verfügung, das analog zu den Q-Meldungen aufgebaut ist, das es dem Verfasser aber erlaubt, anonym zu bleiben.

Vereinzelt werden auch Social Media-ähnliche Instrumente eingesetzt, um Inputs zu erfassen und gleich von den Followern bewerten zu lassen. Das für die Bearbeitung von Q Meldungen typischerweise zuständige Gremium wird dann quasi durch die Followers ersetzt. Der Ansatz beruht auf der Hoffnung, dass Schwarmintelligenz zu verbesserter Qualität führt. Die Verfasser dieses Whitepapers haben diesbezüglich eine eher zurückhaltende Meinung. In den Social Media-Kanälen wird doch immer mehr beobachtet, dass Influencer eben auch zu Schwarmdummheit verleiten, was der in einem QM-System gewünschten Qualität nicht zuträglich ist.

QM-Verantwortliche können aktive Feedbacksysteme einsetzen, um Feedback gezielt einzuholen. Feedbacksysteme, wie Umfragen oder MMA, liefern zu Q-Meldungen komplementäre Aussagen, weil sie die Antworten von vielen Personen erheben und dadurch breiter abgestützt sind, während Q-Meldungen typischerweise das Feedback einer einzelnen Person darstellt. Die Praxis zeigt, dass webbasierte Feedbacksysteme von den Menschen häufiger benutzt werden. Deshalb stellen moderne Softwaretools wie z. B. Limsophy BPM dedizierte Web-Portale zur Feedbacksammlung zur Verfügung.

Zusammenfassung

Ein QM-System benötigt sehr variable Antennen, um verändernde Umgebungsbedingungen wahrnehmen zu können, die einen Einfluss auf das QM-System und damit auf Unternehmen ausüben. Die Antennenfunktion wird durch den Einsatz eines methodisch diversifizierten Feedbacksystems erreicht. Methodisch sollten komplementäre Systeme, die eingehende und einzuholende Feedbacks liefern, eingesetzt werden. Für ein einfaches Datenmanagement sollten Softwaretools zur Verwaltung von QM-Systemen komplementäre Feedbacksysteme beinhalten. Für die Zusammenführung und Auswertung der gesammelten Informationen ist ein integriertes QM-System notwendig, das es dem Q-Manager erlaubt, aus eingehenden Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen, angemessene Veränderungen im Betrieb anzustossen und deren Umsetzung zu verfolgen. Mit dieser technischen Basis liefert der Mensch auf zahlreichen Kanälen das notwendige Feedback und kann als Entscheider und Akteur effizient auf geliefertes Feedback reagieren

Literaturverzeichnis:

[1] Görz, Günther / Schneeberger, Josef / Schmid, Ute (2014: Handbuch der Künstlichen Intelligenz.
5. Auflage, Deutschland ISBN 978-3-486-71307-7
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Critical_Incident_Reporting_System (2017)